Postskriptum für die Perversionen. Sade Masoch Kafka

1. Disziplinieren

2. Sade und Masoch

3. Masoch und Kafka

4. Kontrollieren

Anmerkungen

Literatur


1. Disziplinieren

Heute sehen wir, wie im Laufe des 19. Jahrhunderts die Sexualität zu sprechen beginnt. Wir sehen, wie am Grunde dieser Sexualität und ihrer Perversionen mit einem Mal eine Wahrheit auftaucht, die nicht allein dem Sexuellen, sondern uns selbst tief zugrundezuliegen scheint, und wie die Geheimnisse, die wir unserem Begehren Stück für Stück entlocken, sich fast wie von selbst zu unserem eigenen Geheimnis zusammenzusetzen beginnen. Daß die Sexualität uns unser unterdrücktes Selbst zu offenbaren hat, mag zunächst ungeheuerlich, muß aber spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts derart verheißend geklungen haben, daß der Imperativ, der doch so offensichtlich in dieser Feststellung liegt, sich fast völlig unserer Wahrnehmung entzogen hat. So ist es lange Zeit undenkbar gewesen, vom Sexuellen zu sagen, was Artaud ebenso undenkbarerweise vom Sterben gesagt hat: daß "es eine Gewohnheit ist, die man dem Bewußtsein eines Tages vor noch nicht so langer Zeit aufgezwungen hat."1

Heute, da die Sexualität auf uns immer mehr den Eindruck macht, sie werde eines nicht mehr fernen Tages nichts weiter als Geschichte gewesen sein, fällt es uns immerhin ein wenig leichter, den fast schon vergangenen Gewohnheiten unseres Bewußtseins ins Auge zu sehen. Es zeigt sich, daß das Sprechen unserem Begehren keineswegs gegeben war, ihm vielmehr äußerst mühsam, mittels zahlloser, höchst unterschiedlicher, vielfältig ineinandergreifender und sich ständig modifizierender Prozeduren, nicht ohne mitunter herbe Rückschläge, beigebracht worden ist. Mittlerweile sind die Werke der Sexualwissenschaften selbst zu Fallbeispielen geworden, zu einem Archiv der geheimen Verführungen der Macht, in dem wir uns davon überzeugen können, daß die scheinbare Befreiung unserer scheinbar unterdrückten Sexualität uns in ein noch viel schlimmeres, weitaus subtileres Regime geführt hat. Am Ende stellt sich heraus: Die Sexualität hatte uns nie etwas zu sagen; ihre Wahrheit war nicht für uns, sie war für Mediziner und Juristen bestimmt. Wir haben die ganze Zeit in einer Disziplinargesellschaft gelebt.

Die Geschichte der Sexualität als Geschichte einer Wissenschaft vom Sexuellen ist von Anbeginn an die Geschichte einer Trennung, einer ganzen Serie von Trennungen. Einerseits etablieren die Sexualwissenschaften eine Vielzahl sich immer weiter verästelnder Disziplinen, in denen den Spielarten des Begehrens immer genauer auf den Grund gegangen wird, andererseits installieren sie ein ganzes Netz von Disziplinierungen, in denen das Begehren seinerseits sein Eigenleben auszubreiten und sich einzurichten beginnt. Die Objektivierung der Sexualität durch die Wissenschaft und ihre Subjektivierung durch das Individuum sind die beiden Seiten ein und desselben Prozesses.

Eine Serie von Trennungen: Das Vorgehen der Sexualwissenschaften besteht darin, die Gefüge des Sexuellen aus den Zusammenhängen des gesellschaftlichen Lebens zu isolieren, sie zu ordnen, einzuteilen und zu klassifizieren, und sie gleichzeitig auf den Grund des Individuums zu versenken, in Form einer Sexualität, die ihm gleichermaßen drohend wie verlockend in seinem Innern gegenüberzustehen scheint. Diese Entwicklung läßt sich heute als Bestandteil einer sich seit dem späten 18. Jahrhundert herausbildenden - bürgerlichen, kapitalistischen, industriellen - Ökonomie begreifen, die, weit davon entfernt, das Subjekt von außen oder von oben zu unterjochen, es von innen heraus als Summe all seiner wesensmäßigen Spaltungen (von denen die sexuelle immer als eine der fundamentalsten erfahren werden muß) erst produziert.

Gerade bezüglich seines eigenen Gemachtseins aber hat dieses von innen aufgezwungene Bewußtsein seinen blinden Fleck. Je mehr das Subjekt über seine eigene Sexualität erfährt, desto mehr erfährt es sie als eine innere Natur, die im Widerspruch zum gesellschaftlichen Leben und zur Welt der Ökonomie steht. Daß sie stattdessen gerade der neuste und vielleicht radikalste Ausdruck der - bürgerlichen, kapitalistischen, industriellen - Ökonomie sein könnte, bleibt eine Erkenntnis, die höchstens in denjenigen Momenten des Wahnsinns aufzublitzen pflegt, in denen sich die Schleier der Subjektivierung für kurze Zeit lüften.

Dabei sind aus der Perspektive der Ökonomie die anthropologischen Konstanten längst zu freien Variablen geworden: "Die Staaten bevölkern sich nicht gemäß dem natürlichen Gang der Fortpflanzung, sondern auf Grund ihrer Industrie, ihrer Produktionen und der verschiedenen Institutionen... Die Menschen vermehren sich wie die Erträge des Bodens oder die Gewinne und Einkommen, die sie in ihrer Arbeit finden."2 Und dennoch wird, mehr als hundert Jahre nach der Niederschrift dieser doch recht nüchternen und präzisen Feststellung, Krafft-Ebing seine Psychopathia sexualis mit den Zeilen einleiten: "Die Fortpflanzung des Menschengeschlechts ist nicht dem Zufall oder der Laune der Individuen anheimgegeben, sondern durch einen Naturtrieb gewährleistet, der allgewaltig, übermächtig nach Erfüllung verlangt. In der Befriedigung dieses Naturdrangs ergeben sich nicht nur Sinnesgenuss und Quellen körperlichen Wohlbefindens, sondern auch höhere Gefühle der Genugtuung, die eigene, vergängliche Existenz durch Vererbung geistiger und körperlicher Eigenschaften in neuen Wesen über Zeit und Raum hinaus fortzusetzen."3

Vielleicht sind solche Wendungen zu lange als primär ideologische aufgefaßt worden, und vielleicht ist dieser Begriff - seit insbesondere Foucault und Deleuze gezeigt haben, daß er bei der Untersuchung der Disziplinarregimes eher im Wege steht - dann auch zu schnell wieder verschwunden. Festzuhalten ist in jedem Fall, daß die Sexualpathologie, zu der Krafft-Ebing hier anhebt, so sehr sie sich auch als Teil der modernen Naturwissenschaften begreift, doch letztlich vor der Materialität sowohl ihres Gegenstands als auch ihrer eigenen Konsequenzen zurückschreckt und in der Metaphysik Zuflucht suchen, oder besser: sich mit dem Mythos in Einklang bringen muß.

So läßt sich schließlich auch erklären, warum für so viele der Konzepte, die in der Sexualwissenschaft wie in der Psychoanalyse Ende des 19. Jahrhunderts strukturbildend werden, gerade die Literatur herhalten muß. Wenn Freud im Verlauf seiner Analyse des Unbewußten ausgerechnet König Ödipus reinthronisiert und Krafft-Ebing bei der Herausarbeitung der Perversionen ausgerechnet Sade und Masoch zu den Namenspatronen seiner nach der Differenz der Geschlechter wohl grundlegendsten pathologischen Dichotomie auserwählt, dann steht dahinter nicht zuletzt der Wunsch, das im Laufe der wissenschaftlichen Untersuchung immer schärfer getrennte und genauer eingeteilte Subjekt gleichzeitig wieder in einem anthropologischen Ganzen aufgehen zu lassen.

Der zentrale Unterschied zwischen Freuds und Krafft-Ebings Zugang zur Literatur liegt aber auf der Hand: Während Freud auf seinem langen Weg von den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie bis zum Unbehagen in der Kultur der Psyche immer entschiedener ein kulturelles Prinzip - Figuren der Literatur und des Mythos - zugrundelegt, so sieht Krafft-Ebing in der Kultur und Literatur - vertreten durch ihre Autoren - das Sexuelle am Werk: "Was wären die bildende Kunst und die Poesie ohne sexuelle Grundlage! In der (sinnlichen) Liebe gewinnen sie jene Wärme der Phantasie, ohne die eine wahre Kunstschöpfung nicht möglich ist, und in dem Feuer sinnlicher Gefühle erhält sich ihre Glut und Wärme. Damit begreift sich, dass die grossen Dichter und Künstler sinnliche Naturen sind."4 Nachdem er der Kunst damit die Neue Weltordnung des Sexuellen buchstäblich ins Fleisch gebrannt hat, bedarf es zur Totalisierung dieser Ordnung nur noch eines kleinen Kunstgriffes. Krafft-Ebing fährt fort: "Diese Welt der Ideale öffnet sich mit dem Auftreten sexueller Entwicklungsvorgänge. Wer in dieser Lebensperiode nicht für Grosses, Edles, Schönes sich begeistern konnte, bleibt ein Philister sein Leben lang. Schmiedet doch selbst der nicht zum Dichter veranlagte in dieser Epoche Verse!"5 (Besser ließe es sich kaum veranschaulichen, daß in der Disziplinargesellschaft die Sexualität keineswegs unterdrückt, sondern zum Ausdruck gebracht werden soll, und daß in der Sprache der Disziplinierung mitnichten ein technokratisch-kalter, vielmehr ein humanistisch-warmer Grundton vorherrschend ist.6)

Ist der Sex der Dichtung erst einmal untergeschoben, so läßt er sich jederzeit wieder mit leiser Verwunderung von dort hervorholen. Im Falle des Masochismus kommt Krafft-Ebing zu der erstaunlichen Erkenntnis, "dass der Schriftsteller Sacher-Masoch in seinen Romanen und Novellen diese wissenschaftlich damals noch gar nicht gekannte Perversion zum Gegenstand seiner Darstellungen"7 gemacht hat. Wohl mit gleichem Recht ließe es sich Kafka bescheinigen, er habe das Kafkaeske gut getroffen.

Die zwingende Konsequenz dieses Vorgehens liegt natürlich auf der Hand: den Dichter nämlich, noch bevor die ersten klinischen Symptome aus seiner Literatur herauspräpariert worden sind, zum ersten Patienten der pathologischen Klinik zu machen, die fortan seinen Namen tragen wird. Krafft-Ebing schreibt: "In den letzten Jahren wurden mir übrigens Beweise dafür beigebracht, dass S.-Masoch nicht bloss der Dichter des Masochismus gewesen, sondern auch selbst mit der in Rede stehenden Anomalie behaftet gewesen sei. Obwohl jene mir ohne Vorbehalt zukamen, nehme ich gleichwohl Anstand, sie zu veröffentlichen. Den Tadel, den einzelne Verehrer des Dichters und gewisse Kritiker meines Buches mir dafür zuteil werden liessen, dass ich den Namen eines geachteten Schriftstellers mit einer Perversion des Sexuallebens verquickte, muss ich zurückweisen. Als Mensch verliert S.-Masoch doch sicher nichts in den Augen jedes Gebildeten durch die Tatsache, dass er mit einer Anomalie seines sexuellen Fühlens schuldlos behaftet war. Als Autor hat er aber dadurch in seinem Wirken und Schaffen schwere Schädigung erfahren, denn er war, solange und soweit er sich nicht auf dem Boden seiner Perversion bewegte, ein sehr begabter Schriftsteller und hätte gewiss Bedeutendes geleistet, wenn er ein sexuell normal fühlender Mensch gewesen wäre."8

Auf diese Weise setzt sich die Serie der Trennungen fort. Der Dichter wird von seinem Werk abgelöst, er wird ins Licht der Öffentlichkeit gestellt mit eben jener Geste, die ihm Diskretion zusichert, und das Urteil, das über ihn verhängt wird, hebt seine Schuld wieder auf. War Sade zu seiner Zeit noch eingekerkert worden, so verdient Sacher-Masoch unser Mitgefühl. Denn er ist doppelt da: als Autor und als Mensch.9

Wenn Sade und Masoch als literarische Begründer der beiden fundamentalen sexuellen Perversionen in die Geschichte der Sexualwissenschaften eingegangen sind, dann muß man sie vor diesem Ruhm so weit wie möglich ins Schutz nehmen. Eine nicht-klinische Lektüre der Hundertzwanzig Tage von Sodom oder der Venus im Pelz hätte sich vor allem von der Vorstellung zu verabschieden, daß das, was in diesen Werken geschieht, natürlicherweise in direkter Verbindung stehen müsse zu dem, was sich zwischen dem Menschen und seiner Sexualität abspielt.

Denn niemand hat natürlicherweise eine Sexualität. Die Sexualität ist nur ein unter die Haut verlagertes Relais, um die Ökonomie bestimmter Mächte - des Bürgertums, des Kapitals, der Industrie - mit dem Körper zu verbinden. Außerdem gibt es Körper, die sich mit bestimmten Mächten der Ökonomie verbinden. Das ist die Literatur. Beides hat so gut wie nichts miteinander zu tun.


2. Sade und Masoch

Gilles Deleuze hat in seiner Studie Sacher-Masoch und der Masochismus10 gezeigt, daß die sexualwissenschaftliche Annahme einer Komplementarität von Sadismus und Masochismus zwei literarische Entwürfe in eine unangebrachte sexuelle Dialektik zwingt, und herausgearbeitet, auf welche Weise Sade und Masoch, statt die einander entgegengesetzten Pole einer vermeintlichen sadomasochistischen Einheit zu bilden, sich voneinander unterscheiden. Das gilt zugleich für die in ihrer Literatur beschriebenen Verfahren wie für die literarischen Verfahren ihrer Beschreibung.

Auch wenn Deleuze die klinische Lesart nicht völlig hinter sich läßt - insbesondere dort nicht, wo die Kategorien der Psychoanalyse ins Spiel kommen: familiale Klinik der Geschlechter - so ist sein Verfahren, zu einer neuen Symptomatologie der Perversionen zu gelangen, doch vor allem ein historisch-politisches. Während die Sexualwissenschaften ihren Blick immer bloß auf den - medizinisch oder strafrechtlich relevanten - körperlichen Akt fokussieren und so zu dem Eindruck gelangen, es ginge einzig um die sexuelle Lust am Schmerz, an dessen Zufügung (Sade) oder dessen Erleiden (Masoch), wird hier das Blickfeld so weit geöffnet, daß es schließlich bis zum Horizont des Gesellschaftlichen reicht, das Sade wie Masoch, allen Trennungen zum Trotz, umgibt.

Die Literatur reagiert nicht einfach auf ihre historisch-politischen Umstände, sondern macht von eben jenen Kräften, die in diesen Umständen am Werk sind, einen eigenen, vielfach ganz anderen Gebrauch. Wenn eine erste Unterscheidung zwischen Sade und Masoch sich an der Differenz zwischen "1789" und "1848" festmachen läßt,11 dann ist damit weder gemeint, beide hätten ganz einfach in verschiedenen Zeiten gelebt, noch, ihr Schreiben sei das bloße Produkt der jeweiligen historischen Situation gewesen. Vielmehr besetzen Sade und Masoch ganz unterschiedliche politische und geographische Räume; vielleicht ließe sich eine solche Differenz als eine "geopolitische" bezeichnen.

"1789", das wäre in diesem Sinne eine Revolution im Westen, die tatsächlich stattgefunden hat, und in deren Folge sich eine moderne, zentralisierte, auf Homogenität ausgerichtete Raumordnung etabliert, während "1848" für eine Revolution im Osten stünde, die ausgeblieben ist und einen eher zersplitterten, fragmentierten, weiterhin mythisch strukturierten Raum hinterläßt. Sade trennt in der Tat nur noch eine einzige, wenn auch gewaltige Anstrengung von der Republik, ein letzter revolutionärer Akt, während Masoch vor einer scheinbar endlosen Kette sich wiederholender Anstrengungen steht, die viel eher Beschwörungen der Geschichte gleichen.

Sowohl die Sadeschen "Orgien" als auch das Masochsche "Beziehungsdrama" finden fernab des gesellschaftlichen Lebens statt. Und doch handelt es sich um zwei sehr unterschiedliche Arten der Abgeschiedenheit. Das Schwarzwaldschloß der Hundertzwanzig Tage mag zwar schon von Natur aus außerhalb der gesellschaftlichen Ordnung liegen, doch müssen die eigentlichen Rahmenbedingungen, die das Schloß zu einem solchen Ort des Exils machen, an dem einer Schule der Ausschweifung möglich wird,12 erst hergestellt werden. Um zur Lust zu gelangen, müssen zuvor sämtliche Brücken zum Außen gesprengt werden;13 es bedarf einer aufwendig "vervollkommneten Einsamkeit".14 Dagegen befindet sich das am Rande der Karpaten gelegene Haus, das die Venus im Pelz zum Schauplatz hat, in einer ganz anderen Art von Distanz. Dieser Ort ist von der Welt nicht gewaltsam abgetrennt, sondern scheint ihr merkwürdig entrückt,15 und auch das ihn umgebende Terrain - mit dem die Masochschen Figuren stets noch in Beziehung stehen, es gibt hier keine senkrecht aufragenden Felswände wie bei Sade - verliert sich schließlich im Imaginären.16 Für Masoch geht es um eine andere Schule an einem anderen, nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit verschobenen Platz, um einen unwirklich fernen - vor allem eben explizit: geträumten - Ort.

Entsprechend unterscheidet sich das Arrangement der Figuren. Sade entwirft eine Gesellschaft von Libertins, deren Exzesse erst - und gerade - im geregelten Gefüge einer festgelegten Zahl von Personen möglich werden, welche ihrerseits in ihren Attributen bereits auf genau bestimme Kombinationsverfahren zugeschnitten sind. Masoch hingegen inszeniert die Abgeschiedenheit eines Paares (plus Eins),17 dessen innere Ordnung der Lust zunächst ausgehandelt werden muß, um daraufhin stets wieder ins Schwanken zu geraten. Der Autonomie der Sadeschen Libertins entspricht die Einsamkeit der Masochschen Despotin. Während diese angetreten sind, den utopischen Raum ihrer Herrschaft in der Gegenwart zu verwirklichen, ist jene aus ihrem eigentlichen Reich längst vertrieben und auf diesem Wege erst in die Rolle der despotischen Herrscherin gedrängt worden.18

So verbinden sich die Figuren, setzen sich zueinander in Beziehung, nehmen ihre Positionen ein und kommen miteinander in Berührung. Das ist, zweifelsohne, der Sex - und doch geht, sowohl bei Sade als auch bei Masoch, das Begehren über die physische Besetzung der Körper noch hinaus: in beiden Fällen richtet es sich direkt auf eine spezifische Sorte der Macht.19 Es geht nicht um Gewalt oder Schmerz, sondern um zwei verschiedene Regimes, die auf ganz unterschiedlichen Herrschaftsformen beruhen: dem exekutiven Prinzip der Institution bei Sade steht das juristische Modell des Vertrags bei Masoch gegenüber.20 So wie von Sade gesagt wird, er denke die Idee der Aufklärung zu Ende,21 ließe sich von Masoch zumindest behaupten, er treibe die Idee des Vertrages an eine Grenze.

Bis ans Ende der Aufklärung: Was wir bei Sade am Werk sehen, ist eine institutionalisierte, ins Absolute gesteigerte Form der Negation, die auf die vollständige Abschaffung der bestehenden - gesellschaftlichen und sexuellen - Ordnung abzielt, jedes moralische Gesetz als künstlich aufgesetzt verwirft und auf die Wiederherstellung eines ursprünglichen Naturzustands hinauszulaufen scheint, in dem das Böse sich als ungebrochen-negative Schöpfungskraft frei von jeder Hemmung entfaltet. Und doch liegt Sade nichts ferner, als die Mächte der Anarchie und des Chaos anzurufen: er unternimmt genau das Gegenteil. Denn die reinen Kräfte der zerstörerischen Urnatur stehen nirgendwo mehr zur Verfügung. Sie sind allesamt überformt von einer zweiten Natur, die nach den Gesetzen des permanenten Ausgleichs zwischen ihren Gewalten geordnet ist. Das Böse hat sich in dieser Ordnung in einen beherrschbaren und produktiven - höhere, positive Werte hervorbringenden - Teilprozeß verwandelt. Es ist rationalisiert worden und kann in der Folge nur noch mit rationalen Mitteln reproduziert werden. Das Verfahren einer solchen Reproduktion ist zwangsläufig monoton und seriell, und so bestehen Sades Exzesse aus unaufhörlichen Demonstrationen der Vernunft, aus einer endlosen Kette logischer Beweisführungen. "Die Orgie wird wie eine Schicht in der Werkhalle organisiert, eingeteilt, befohlen, überwacht; sie ist so rentabel wie Fließbandarbeit (aber ohne Mehrwert)."22 Gerade in diesem Fehlen des Mehrwerts zeigt sich, daß die Sademaschinen und ihre Produktion des Sexuellen sich der ökonomischen Verfahren der zweiten Natur zwar als Mittel bedienen, daß sie deren Zwecke aber - die Prinzipien der Produktivität, der Wertschöpfung und des natürlichen Wachstums - mit eben diesen Mitteln negieren. Was selbstverständlich nie im Augenblick gelingen kann, sondern erst in der Summe der einzelnen Prozeduren, und was vor allem den Verzicht auf all jene Genüsse impliziert, die mit dem Mehrwert verbunden sind. Auf diese Weise entsteht die für das Genießen der Sadeschen Helden so charakteristische Apathie.23

Bis zur Grenze des Vertrages: Was Masoch uns vorführt, ist eine Figur der Verneinung, die nicht minder absolute Formen annimmt als die Sadesche Negation. Das Vorgehen dieser Verneinung besteht darin, "den Rechtsgrund dessen, was ist, anzufechten, und dieses gleichsam in einen Zustand der Schwebe oder der Neutralisierung zu versetzen".24 Die bestehende Ordnung wird durch den Akt des Vertrages aufgehoben: sie wird ausgesetzt, suspendiert, in einen Spannungszustand oder eine Pendelbewegung versetzt und auf später verschoben.25 Das Moment der Aufhebung - als Verbindung der einander zunächst entgegengesetzten Bedeutungen dieses Begriffes: verneinen, bewahren, auf eine höhere Stufe heben - bildet die zentrale Figur der dialektischen Methode,26 nach der sich die Masochschen Verkettungen organisieren. In Form des Vertrages, der alle Macht an die Henkerin überträgt, sie gerade damit jedoch bindet und formt, behält das machtlose Opfer die Macht in der Hand. Die Rollen werden getauscht, nur um sie auf einer höheren Stufe wieder einzunehmen. Zuletzt bekommen alle Beteiligten ihren eigenen Körper zurück. Am Ende sieht es ganz so aus, als hätten all die Attribute der grausamen Göttin einzig und allein dazu gedient, das Wesen ihres Gegenübers zurückzuspiegeln: "I'll be your mirror / reflect what you are / in case you don't know".27 Schließlich läßt sich sogar das Problem der doppelten Natur, das sich bei Masoch auf ganz andere Weise als in der Sadeschen Anordnung stellt, wenngleich nicht lösen so doch aus der Welt schaffen: Wenn die ursprüngliche, antik-mediterrane Natur - eine Welt des Genusses - von einer zweiten, christlich-eiszeitlichen Natur - einer Welt der Reflexion - verschüttet worden ist,28 in deren Angesicht die einstmals heitere Liebesgöttin sich erst zur grausamen Despotin gewandelt hat, dann ist es gerade die sinnliche Kälte der Herrscherin, in der ein jenseits der beiden Naturen liegendes Ideal erscheint. Die griechische Venus mag abwesend sein und das nordische Venusbild nur aus kaltem Stein bestehen: sobald der Pelz hinzukommt, öffnet sich mit einem Mal ein Raum, "in dem jenseits des Gegebenen neue Horizonte des nicht Gegebenen aufscheinen".29

Gewiß lassen sich die im Verlauf der hier umrissenen Lektüre zu Tage tretenden spezifischen Charakteristika beider Werke wieder als Symptome lesen und zu einer neuen Symptomatolgie des Sadismus und des Masochismus zusammensetzen. Nur verläßt diese eben das Feld der Sexualität und wird viel eher ein Fall für die Geschichtswissenschaften oder die Politische Philosophie. Es bleibt anzumerken, daß die Symptomatolgie auch das Feld der Familie und ihrer kategorischen Geschlechter hinter sich zu lassen hätte.30

Obwohl Deleuze auch in dieser Richtung ein Stück voranzukommen bemüht ist, fällt er letztlich doch wieder in gerade diejenigen psychoanalytischen Kategorien zurück, die dabei zu überwinden wären. Sadismus wie Masochismus, so versucht er zu zeigen, brächen die klassische symbolische Struktur der familialen Ordnung auf. Bei Sade verbünde sich der Vater mit der Tochter gegen die symbolische Mutter (als Agentin der Fortpflanzung), bei Masoch ginge der Sohn einen Bund mit der Mutter gegen den symbolischen Vater (als Agenten der Herrschaft) ein.31 Auch wenn am Ende des Weges das Bild einer möglichen neuen Form von "Männlichkeit" durchzuschimmern beginnt - "eine neue Geburt, in welcher der Vater funktionslos ist"32 und in welcher mögliche Formen oder Funktionen von "Weiblichkeit" seltsam undeutlich bleiben33 - so handelt es sich doch höchstens um eine progressive Spielart der familialen Regression: das Begehren besetzt noch immer die Familie, und sei es auch, um sie abzuschaffen oder aufzuheben.34

Die Venus im Pelz bietet einer solchen Interpretation allerdings auch offene Flanken. Es drängt sich die Vermutung auf, daß mit antikem Personal der Familialismus sich nicht überwinden läßt: keine Venus ohne Ödipus. Die Hundertzwanzig Tage von Sodom kommen ohne Griechen aus; vielleicht liegt darin ja ihr Vorsprung.


3. Masoch und Kafka

Wie kommt nun Kafka ins Spiel? Einerseits ließe sich zeigen, daß der geläufigen Bezeichnung einer bestimmten, am Grunde von Kafkas Text vermuteten Atmosphäre, Konstellation oder Konfliktlage als kafkaesk nicht nur ähnliche Verkürzungen zugrundeliegen wie der Vergabe der Attribute sadistisch und masochistisch, sondern auch ein symptomatologischer Zug eigen ist, der ebenfalls zum Klinischen tendiert. Eine weniger sexualwissenschaftliche, vielmehr vulgärpsychoanalytische Klinik: Kafka sei ein Autor, der von einem tiefen Leiden - an seiner Gesellschaft, seiner Familie, seinem Körper, ja seinem Selbst - geprägt sei, der in seinem erzählerischen Werk - und erst in den Briefen! - eine spezifische Art sexueller Frustration sublimiere. Selbst wenn dem so wäre, müßten sich die Leser mit dieser Tatsache vermutlich einfach abfinden und zum Text übergehen. Andererseits, und das würde bei einem solchen Übergang zum Text ersichtlich, ist Kafka mit derart grundlegenden und neuen Verfahren beschäftigt, den Körper mit den ökonomisch-politischen Kräften der Zeit zu verbinden und die ihn umgebenden Umstände auf eine ihnen entsprechende, perverse Weise zu überschreiten, daß es nicht unangemessen wäre, ihn in diesem Sinne in eine Reihe mit Sade und Masoch zu stellen. Bei genauerem Hinsehen würde sogar deutlich, daß es zwischen Masoch und Kafka eine Linie gibt, entlang derer sich einzelne Motive aus dem Masochschen Szenario in einen anderen, neuen Zusammenhang verschieben.

"1848" und "1917"? Es erscheint auf den ersten Blick ganz unsinnig, Kafka mit der Russischen Revolution oder auch nur der seine Zeit durchziehenden revolutionären Bewegung in Verbindung zu bringen; ähnlich wie Masoch - und wohl eher im Gegensatz zu Sade - scheint er ja jede Antwort auf unmittelbar politische Fragen zu verweigern und sich stattdessen in die Einsamkeit einer intimen Phantasiewelt flüchten zu wollen. Doch diese Fluchtbewegung als eine Alternative, einen Rückzug zu verstehen, wäre eine von Grund auf falsche Konzeption dessen, was in der Literatur möglich ist und was bei Kafka tatsächlich geschieht. Denn es flieht ja alles mit ihm mit, es ist ja alles da: die Justiz, die Bürokratie, die Arbeit, Amerika. Nur ist es eben alles anders da, es ist eher schon weiter, viel mehr da, als es tatsächlich da ist, und es hat sich gedreht, verschoben und neue Formen angenommen, die noch fast unsichtbar und doch bereits vorhanden sind. "Die Leute sind so selbstbewußt, selbstsicher und gut aufgelegt. Sie beherrschen die Straße und meinen darum, daß sie die Welt beherrschen. In Wirklichkeit irren sie sich doch. Hinter ihnen sind schon sie Sekretäre, Beamten, Berufspolitiker, alle die modernen Sultane, denen sie den Weg zur Macht bereiten... Je weiter sich eine Überschwemmung ausbreitet, umso seichter und trüber wird das Wasser. Die Revolution verdampft, und es bleibt nur der Schlamm einer neuen Bürokratie. Die Fesseln der gequälten Menschheit sind aus Kanzleipapier."35

Ablagerungen der Geschichte, Qualen der Menschheit: In der Tat hatte Masoch die Venus im Pelz als ersten Teil einer Serie von insgesamt sechs Romanen angelegt, die als eine ganze Geschichte der Grausamkeit gedacht war und in Form eines Zyklus nicht weniger als das Erbe der Menschheit umfassen sollte: Das Vermächtnis Kains. Auch wenn dieser Zyklus unvollendet geblieben ist, so ist die Richtung seines Verlaufs doch bereits vorgegeben und auch in der Venus im Pelz schon angelegt: die Bewegung der Zeit als eine stetig fortschreitende Versteppung, die alles Vergangene unerreichbar zudeckt und erkalten läßt; Anbruch einer Kälteperiode, in der die Geschichte stillgestellt und eingefroren scheint, die sich an ihrem Gefrierpunkt aber auf eine neue, mythisch-strenge Sinnlichkeit hin öffnet.

Gelten für die Figuren Masochs die Gesetze einer imaginären Steppe, so bewegen sich die Kafkaschen Helden in einem Netz ganz konkreter, städtisch-moderner Anordnungen, in einem Verwaltungsraum. Doch dessen Regeln und dessen Geographie bleiben rätselhaft: die Stadt mag gar kein Ende nehmen,36 die Dörfer verschieben sich in eine unendliche Distanz,37 daß zwischen weit entfernten Städten Briefverkehr möglich sei, erweist sich als pure Einbildung,38 und aus einem fernen Norden, den es eigentlich gar nicht geben dürfte, droht jederzeit der Einbruch fremder Nomadenvölker.39

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei diese ganze Raumordnung zutiefst feindlich, als sei sie einzig dazu da, die Erfüllung jeder Art von Begehren zu verhindern. Aber vielleicht ist es ja ganz anders: vielleicht sind all diese Strukturen ja die notwendigen Bedingungen des kafkaesken Begehrens, Gefüge der Macht, mit denen es eine gezielte, perverse Verbindung eingeht. Wer weiß, ob die Kafkaisten überhaupt bis an den Rand der Stadt oder ins nächste Dorf gelangen wollen, wer weiß, ob die gefürchteten Nomaden nicht dringend erwartet werden, wer weiß, ob die Briefe tatsächlich dazu gedacht sind, ihre Adressaten zu erreichen? Ist es nicht möglich, daß es hier um Formen der Lusterfüllung geht, von denen die Sexualwissenschaften noch nicht einmal einen Begriff hatten, die noch viel merkwürdiger und nicht zuletzt auch im klinischen Sinne perverser sind? "Exempel einer wahrhaft 'kafkaesken' Liebe: Ein Mann verliebt sich in eine Frau, die er nur einmal gesehen hat; er schreibt ihr zahllose Briefe; nie kann er zu ihr 'kommen'; nie trennt er sich von den Briefen, die er in einem Koffer bewahrt; und am Tag nach dem Bruch, am Abend nach dem letzten Brief, erschlägt er, während er nachts übers Land geht, den Briefträger..."40

Und läge es dann nicht auch nahe, anzunehmen, daß bereits die Psychopathia sexualis erste Fälle von Kafkaismus dokumentiert, daß diese nur unter Krafft-Ebings symptomatologischem Raster als solche nicht recht deutlich werden?41 Oder, noch anders gefragt: was hätte eine sexualwissenschaftliche Lektüre des Kafkaschen Werks wohl an den Tag gebracht? Nehmen wir beispielsweise die Strafkolonie: Es scheint ganz offensichtlich um eine Verbindung erduldeter Grausamkeit und Gewalttätigkeit mit Wollust zu gehen, wie sie für den Masochismus charakteristisch ist, hinzukommen mag ein leichter Hang zum Fetischismus, eine gewisse Fixierung auf Damentaschentücher; aber in seiner Gesamtheit ist dieser Fall noch viel ungeheuerlicher, entzieht sich den sexualwissenschaftlichen Kategorien, vor allem eben, indem hier eine Maschine einen so zentralen Platz in der Kette des Begehrens einnimmt: sowohl eine konkrete Maschine, ein überaus komplizierter, genauestens auf den menschlichen Körper abgestimmter Apparat, als auch der Zusammenhang, innerhalb dessen das Gerät zur Anwendung kommt, eine abstrakte Maschine, der Justizapparat als solcher, das Gefüge seiner Regeln und Strafprozeduren. "Hineingehen in die Maschine, herauskommen, in ihr sein, sie umkreisen, sich ihr nähern - all das gehört selbst noch zur Maschine: Es sind Zustände oder Stadien des Verlangens, ganz unabhängig von jeder Deutung."42

So vage der folgende Vergleich auch bleiben muß, läßt sich doch sagen: dem Vertrag bei Masoch entspricht bei Kafka der Prozeß. Die juristische - wenngleich ganz widergesetzliche - Verfahrensweise sorgt in beiden Fällen für eine ganz spezielle Art der Dauer: die aufgeschobene Erfüllung (Masoch), der bis ins Unendliche verschleppte Freispruch (Kafka); nicht das Begehren wird aufgeschoben, sondern der Aufschub selbst vom Begehren besetzt (Masoch), nicht das Urteil wird verzögert, sondern in der Verzögerung das Urteil zum Ausdruck gebracht (Kafka).43 Ein solches Urteil "ist keine Schönschrift für Schulkinder. Man muß lange darin lesen."44 Und so fände die vertraglich festgeschriebene Kälte des Masochismus ihr Gegenstück in einer prozessual hergestellten kafkaesken Langsamkeit, in der "grenzenlosen Müdigkeit"45 eines "bewegungslos Verharrenden".46 Daß diese Analogien unscharf bleiben, hängt vor allem damit zusammen, daß im Kafkaismus nie hinreichend klar wird, wer letztlich das Subjekt dieses seltsamen Genießens ist, bis zu welchem Punkt die Lektüre tatsächlich von handelnden Personen ausgehen kann - perverse Veranlagung des einzelnen Individuums: wozu dient ihm ein bestimmter Mechanismus? - und ab wann sie dazu übergehen muß, die ganze Maschine als ihrerseits handelnd zu begreifen - perverse Veranlagung der gesamten Machtstruktur: mittels welcher Prozeduren genießt sie ihre einzelnen Teile? Es geht nicht darum, sich für eine dieser Perspektiven zu entscheiden - müßige Fragen: wie kommen, im Prozeß, die obszönen Bilder in die Gesetzbücher? hat K. sie selbst hineingetan? oder befinden sie sich aufgrund einer strukturellen Notwendigkeit dort? - sondern höchstens darum, ein vorschnelles Urteil zu vermeiden, die allzu geläufige Repressionshypothese zahlreicher Interpretationen in Frage zu stellen, wonach bei Kafka letztlich bloß die irrationale Grausamkeit einer abstrakten Macht offenbar werde, die jedes vernünftige, konkrete Leben durchkreuzt und unterdrückt.47

Ganz so traurig sind die Kafkaschen Gestalten nicht, "denen sich ihre zwanghafte, zur tierischen Mechanik geschrumpfte Sexualität in trüben Bierpfützen auf schmutzigem Wirtshausboden spiegelt", bei denen "jede Form von Lebensfülle zur hilflosen, pflichtbewußten Wiederholungsgeste erstarrt", ja in "tierhafte Gewalttätigkeit" übergegangen ist.48 Tatsächlich durchzieht sie eine Lebensleidenschaft, ein Strom, und nur eins macht sie betrübt: ein bestimmter Blick, der sie auf einen Mangel reduziert, ihnen ein inneres Unglücklichsein unterstellt, sie zu Figuren einer tristen intimen Tragödie macht. Tragisches Scheitern an ihrer bürokratischen Außenwelt (in den Romanen), tristes Zugrundegehen an ihrem tierischen Innenleben (in den Erzählungen).

Daß die Verkettungen des Begehrens auch vor Tieren nicht haltmachen, stellt bereits die Psychopathia sexualis fest. Krafft-Ebing unterscheidet dort zwischen nicht pathologischen Fällen von Bestialität und krankhafter Zooerastie, welche sich im Gegensatz zur Zoophilia erotica nicht auf Fetischismus zurückführen lasse;49 hinzu kommt noch die Tierquälerei auf Grund von Sadismus, die allerdings dem Komplex der Körperverletzung bzw. Sachbeschädigung untergeordnet bleibt.50 Und doch machen die angeführten sexuellen Verbindungen zwischen Mensch und Tier weder einen wirklich bestialischen Eindruck, noch erscheinen sie besonders kompliziert: "Die von Papst Pius II. selig gesprochene Veronica Juliani nahm aus Andacht zum göttlichen Lämmlein ein irdisches Lämmlein ins Bett, küsste das Lamm, ließ es an ihren Brüsten saugen und gab auch einige Tropfen Milch von sich."51 Bisweilen drückt sich selbst in religiösen Mythen das Sexuelle mit einer derart unmittelbaren Klarheit und Selbstverständlichkeit aus, daß es einer sexualwissenschaftlichen Erklärung im Grunde kaum noch bedarf.

Daß die Verkettungen des Begehrens auch vor Tieren nicht haltmachen, gilt aber noch in einem ganz anderen Sinn. Sowohl bei Kafka als auch bei Masoch werden Formen eines Tier-Werdens beschrieben, die sich der Reduktion auf "Mechanik" und "Gewalttätigkeit" widersetzen, oder vielmehr: in denen völlig andere Mechaniken und Gewalttätigkeiten aufscheinen, die das Konzept dessen, was wir gemeinhin Sexualität nennen, und die Körper, die uns dieses Konzept zur Verfügung stellt, bei weitem überschreiten.

Eine solche Überschreitung vollzieht Severin in der Venus im Pelz: "Ich beschleunige meine Schritte; da sehe ich, daß ich die Allee verfehlt habe, und wie ich seitwärts in einen der grünen Gänge einbiegen will, sitzt Venus, das schöne, steinerne Weib, nein, die wirkliche Liebesgöttin, mit warmem Blute und pochenden Pulsen, vor mir auf einer steinernen Bank. Ja, sie ist mir lebendig geworden, wie jene Statue, die für ihren Meister zu atmen begann; zwar ist das Wunder erst halb vollbracht. Ihr weißes Haar scheint noch von Stein und ihr weißes Gewand schimmert wie Mondlicht, oder ist es Atlas? und von ihren Schultern fließt der dunkle Pelz - aber ihre Lippen sind schon rot und ihre Wangen färben sich, und aus ihren Augen treffen mich zwei diabolische, grüne Strahlen und jetzt lacht sie. Ihr Lachen ist so seltsam, so - ach! es ist unbeschreiblich, es benimmt mir den Atem, ich flüchte weiter und muß immer wieder nach wenigen Schritten Atem holen und dieses spöttische Lachen verfolgt mich durch die düsteren Laubgänge, über die hellen Rasenplätze, in das Dickicht, durch das nur einzelne Mondstrahlen brechen; ich finde den Weg nicht mehr, ich irre umher, kalte Tropfen perlen mir auf der Stirne. Endlich bleibe ich stehen und halte einen kurzen Monolog. Er lautet - nun - man ist ja immer sich selbst gegenüber entweder sehr artig oder sehr grob. Ich sage also zu mir: Esel! Dieses Wort übt eine großartige Wirkung, gleich einer Zauberformel, die mich erlöst und zu mir bringt. Ich bin im Augenblicke ruhig. Vergnügt wiederhole ich: Esel!"52

Was hier stattfindet, ist eine buchstäbliche Verwandlung zum Tier: der Pelz wird der Venus zum Fell, sie belebt sich, und ihr Blick und ihr Lachen sind bereits ein Tier-Blick und ein Tier-Lachen, die den Garten, in dem sich Severin gerade noch befunden hat, mit einem Mal in sein Territorium verwandeln; schon der Fluchtweg, den er wählt, ist der eines Tieres, abseits der Wege, durch das Dickicht; schließlich findet die Metamorphose mit dem Aussprechen des Tiernamens ihr Ende. Am Ende des Romans wird der Erzähler, nach der Moral seiner Geschichte gefragt, antworten: "Daß ich ein Esel war."53

Während bei Masoch eine eher idealistische Konzeption des Tier-Werdens vorherrscht - die Verwandlung verläuft vom Körper über das Kunstwerk zum Tier, und wird im Moment ihrer physischen Verwirklichung ins Metaphorische zurückgenommen: ich bin kein Esel geworden, sondern nur ein eselhafter Mensch gewesen! (oder bleibt von Beginn an im Metaphorischen: "ein Mann wie ein Löwe",54 "wie wenn mich ein wildes Tier, eine Bärin umarmen würde"55 usw.) - sind die Kafkaschen Erzählungen von einer vielmehr materialistischen Auffassung des Tier-Werdens geprägt: die Metamorphose vollzieht sich nicht augenblicklich, sondern verläuft schleppend, den Trägheitsgesetzen des Körpers gemäß, und sie hat immer schon eingesetzt, bevor das Bewußtsein einsetzt. Die Verwandlung ist hierfür nur das offensichtlichste Beispiel, das sich zudem explizit bei Masoch bedient und wohl am deutlichsten die Verschiebung vom masochistischen zum kafkaesken Tier-Werden zeigt.56 Im Grunde aber handelt es sich bei Kafkas Erzählungen selbst dort noch um Geschichten des Tier-Werdens, wo keine Tiere vorkommen.

Tier-Werden: das hat nichts zu tun mit der Behauptung, das Sexuelle habe eine primitive, animalische Seite. Und noch weniger hat es zu tun mit der Annahme einer tierhaften Unschuld, die im Sexuellen zum Vorschein käme. In der geläufigen Gewohnheit Liebender, einander mit verniedlichenden Tiernamen anzusprechen, mag die Sehnsucht nach einer solchen Unschuld mitschwingen, vielleicht als Reflex, eine plötzliche Öffnung oder einen möglichen Übergang des Körpers mit den Mitteln der Sprache wieder zu schließen: den Anderen, sobald er fremd wird, in ein Haustier zurückzuverwandeln, ihn in die Familie zurückzuholen, ihm eben jene Menschlichkeit zuteilwerden zu lassen, von der auch die Liebe zum Tier gemeinhin geprägt ist.57 Das Tier-Werden beginnt dort, wo diese Menschlichkeit aussetzt, der Körper in einen Zustand gerät, in dem er neue Potentiale bekommt, seine Teile neue Funktionen annehmen, seine Geschlechtlichkeit in einen Übergang gerät, seine Sinnesorgane ihn in eine andere Umgebung versetzen, seine Stellung zum Raum sich verändert - das Zimmer als Gehege, die Straße als Territorium - und die ganze Organisation dessen, was den Menschen ausmacht, sich langsam von ihm lockert, weder im Rausch noch als Ekstase, sondern als ein völlig plausibler, konkreter und gänzlich unmetaphorischer Prozeß, der von sehr kurzer oder sehr langer Dauer sein kann und gewiß keines der Versprechen einlöst, deren Einlösung sich verspricht, wer im Tier eine romantische Überwindung des Menschen möglich glaubt. Das Tier-Werden ist eine der Grenzen, bis an die das Begehren reichen kann, und es ist eine der Grenzen, bis an die die Literatur reichen kann. Es ist schließlich die Grenze, an der nicht nur die Sexualität, das Intime und das Perverse verschwinden, sondern sogar, so wie wir sie kannten, die Ökonomie.


4. Kontrollieren

Wenn wir eingangs die Sexualität als ein Phänomen betrachtet haben, auf das sich tendenziell bereits zurückblicken ließe, so bleibt noch genauer zu bestimmen, von welchem Punkt in der Geschichte ihrer Bedingungen aus dieser Blick auf sie gerichtet ist und welche Perspektiven sich einer solchen Betrachtung eröffnen.

Das ganze Leben der Gesellschaften, in denen die bürgerlich-kapitalistisch-industrielle Produktionsweise herrscht, hat sich seit dem Aufkommen des Sadismus, des Masochismus und des Kafkaesken so grundlegend gewandelt, daß nicht nur diese drei Programme des Begehrens in ihren jeweiligen Originalversionen an den neuen Machtformationen abgleiten, sondern auch die wissenschaftlichen wie intimen Diskurse, innerhalb derer ihr Aufkommen organisiert worden ist, einen Großteil ihrer Macht verloren haben und obsolet zu werden beginnen. Die Formen des Sexuellen, die sich am Ende des 20. Jahrhunderts als sadomasochistische, masokafkaeske oder sonstwie perverse in Umlauf befinden, haben sich aus dem Feld der "Sexualität" längst verabschiedet: weder lassen sie sich zu einem System objektiver und verifizierbarer Grundlagen des Menschen zusammensetzen, noch fügen sie sich zu einer inneren Wahrheit, mit der sich ein Subjekt des Begehrens konfrontiert sähe. Die Rede von der Sexualität und ihren Perversionen ist fast vollständig zu einer Rede über deren Repräsentationen geworden, und so wie die "öffentlichen" Abteilungen dieser Rede sich zunehmend mit den Problemen der Abbildung des Perversen - als deren Folge die sexuellen Skandale im Realen mittlerweile verstanden werden - beschäftigen, so geht es in ihren "intimen" Bereichen mittlerweile vor allem um die Frage nach der Überschreitung des realen Körpers und nach neuen, medialen Trägern des sexuellen Begehrens.

Haben die Sexualwissenschaften und die Psychoanalyse die Sexualität zum Sprechen gebracht, so lernt mit der sexuellen Revolution die Liebe Laufen. Die sexuellen Bilder, die sich von jedem Aspekt der Sexualität abgetrennt haben, verschmelzen in einem gemeinsamen Lauf, in dem die Einheit des Begehrens nicht wiederhergestellt werden kann. Das teilweise betrachtete Begehren entfaltet sich in seiner eigenen allgemeinen Einheit als abgesonderte Pseudowelt, als Gegenstand der bloßen Kontemplation oder der bloßen Empörung. Die Sexualisierung der Bilder der Welt findet sich vollendet in der autonom gewordenen Welt des sexuellen Bildes wieder. Als unerläßlicher Schmuck der jetzt erzeugten Waren, als allgemeines Komplement zur Rationalität der Gesellschaft und als fortgeschrittener Wirtschaftsbereich, der unaufhörlich eine wachsende Menge sexualisierter Objekt-Bilder gestaltet, ist das Sexuell-Perverse auf dem Wege dazu, die hauptsächliche Produktion der heutigen Gesellschaft zu werden.58 "Unter dem Prädikat 'sexuell pervers' verkauft sich heute alles: Film, Mode, Schokolade, Lederbrieftaschen."59

Das gesamte Leben ist von einer Revolution des Sexuellen erfaßt worden, die zunächst als die Bewegung einer sexuellen Befreiung gedacht worden ist und sich schließlich als eine Marketingrevolution verwirklicht hat, in deren Verlauf das, was zuvor die Sexualität war, sich so weit dereguliert und von seinen Subjekten gelöst hat, daß es jetzt in allen Bereichen der gesellschaftlichen Realität immerfort in neuen Variationen auftaucht. Die Suche nach geheimen Perversionen geht weiter, aber das Interesse an ihnen hat sich grundlegend verschoben. Jede denkbare Perversion entspricht einem denkbaren Marktsegment, dessen Erschließung keine symbolische Ordnung mehr ins Wanken bringt (und auch keine neue mehr errichtet), weder auf der Makroebene der allgemeinen Moral noch im Mikrobereich der individuellen sexuellen Konstitution. Die Warenform der menschlichen Beziehungen vollendet sich im Ware-Werden des perversen Begehrens, zwischen dessen vielfältigen Erfüllungsmöglichkeiten eine fast konsequenzlose Auswahl möglich wird. Die entsprechenden Fetisch-Objekte werden zu einer Angelegenheit der Mode, zu Warenfetischen eben, und die Gesamtheit ihres Gebrauchs ergibt eine jeweils spezifische sexuelle Kultur, die ebenso selbstverständlich unter besonderem Schutz steht wie all die anderen Formen selbstgewählt abweichenden Lebens, die in ihrem eigenen Bild restlos aufgegangen sind. Je fremder, schmerzvoller und vergeblicher deren Rituale erscheinen, desto größer wird das ihnen entgegengebrachte Verständnis.

Wirkliche Faszination allerdings lösen diese kulturalisierten Perversionen immer weniger aus, denn obwohl die entsprechenden sexuellen Kombinationsverfahren sich noch lange nicht erschöpft haben, sind doch deren Ergebnisse berechenbar geworden. Auf der Suche nach einem Moment der Unberechenbarkeit findet nun eine weitere signifikante Verschiebung des Interesses an der Sexualität statt: die oder der Perverse verschwindet aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit, und an seine Stelle rückt das potentielle Opfer der Perversion. Wo die Sexualwissenschaften noch den Eindruck entstehen ließen, jede und jeder sei im Grunde unbewußt pervers, kommt heute vielmehr der Glauben auf, jede und jeder könne gänzlich ungewollt einer Perversion zum Opfer fallen. Während die technische Realisierung dieses Glaubens - von der Talkshow bis zur Onlineberatung - den Kommunikationswissenschaften überlassen bleibt, so werden seine theoretischen Folgen immer mehr zu einem Fall für die Rechtswissenschaften, "denn eigentlich ist beinahe alles erlaubt (as long as nobody gets hurt) und zugleich beinahe alles verboten, weil keine sexuelle Minderheit diskriminiert werden darf, im Grunde aber jede Äußerung auch des bescheidensten sexuellen Impulses irgendjemand verletzen kann."60

Daß in diesem Sinne selbst die Konfrontation mit literarischen Äußerungen zu einem Risiko wird, verdeutlicht ein im Jahre 1972 den Hundertzwanzig Tagen von Sodom vorangestellter Warnhinweis (der an die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmindustrie angelehnt ist und bereits den Stil jener disclaimer vorwegnimmt, mit denen den Kunden von Online-Sex juristisch korrekt angezeigt wird, daß sie nur noch einen Mausklick weit von der gewünschten Ware entfernt sind): "Man hat ja auch - nicht zu vergessen - die im Grundgesetz verbriefte Freiheit, sich nicht verletzen zu lassen, und man kann von dieser Freiheit Gebrauch machen, zumal wenn man vorher weiß, daß einem eine Verletzung bevorsteht und welcher Art sie ist."61 Gerade das aber ist ein Ding der Unmöglichkeit: von der Freiheit Gebrauch machen zu wollen, sich nicht verletzen zu lassen - in der eigenen Würde unantastbar zu bleiben, die von Geburt an gleichen Rechte in Anspruch zu nehmen usw. - muß unweigerlich in einer Enttäuschung enden. Denn die Universalisierung der Menschenrechte und die Universalisierung des Sexuellen geraten überall dort in einen Widerspruch, wo mit der Dynamisierung der Ökonomie sich auch die moralischen Systeme dynamisieren. Mit dem Anwachsen der Zugriffsgeschwindigkeit auf sämtliche Repräsentationsformen sexueller Wunscherfüllung - die sich ihrerseits in alle Richtungen ausdehnen und dabei die symbolischen Systemunterschiede zwischen dem "Privaten" und dem "Politischen", dem "Intimen" und dem "Perversen" unwiderruflich verwischen - wächst allerorts die Gefahr, selbst in den Bereich einer fatalen sexuellen Fehlrepräsentation des eigenen Begehrens zu geraten, in jenen rechtsfreien Raum, wo die Objekt-Bilder des Begehrens plötzlich wieder ins Reale einbrechen.

Zu einem Problem jedoch werden nicht allein die sexuellen Rechte des Menschen. Auch seine sexuellen Pflichten - verlangt wird jene Kombination von Flexibilität, Leistungsbereitschaft und Erfolgsorientierung, die auch in allen anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens zur Hauptforderung der Macht an das Subjekt geworden ist - erweisen sich mehr und mehr als unerfüllbare Aufgaben. "Sind Begierde, Lust und Genuß erst einmal unter Produktivitäts- und Leistungskriterien gestellt, entweicht aus ihnen die Erfahrung nicht nur der Sinnlichkeit, sondern des Sinns; sie kennen einzig noch Techniken und Zwecke."62 Diese Techniken müssen zwangsläufig auf die unlösbaren Widersprüche stoßen, die zwischen der gewünschten Erlebnis- und der drohenden Risikogesellschaft bestehen: "Auf asketische Weise hedonistisch oder auf hyperintellektuelle Weise sinnlich sein; das Gefühl haben, teilzunehmen und zu handeln, und dennoch Zuschauer zu bleiben; spontan sein und dennoch nicht aufhören, sein Verhalten zu steuern; ... unbefriedigt in der Befriedigung sein, unruhig in der Sicherheit - von diesen widersprüchlichen Anforderungen, die gleichen Wesens mit den ethischen Postulaten der zeitgenössischen Industriegesellschaften sind, bleibt die Sexualsphäre nicht verschont."63

Heute sehen wir, wie der von Foucault auf dem Gebiet der Sexualität und des Wahnsinns beschriebene Übergang von der Souveränitäts- zur Disziplinargesellschaft - vom ebenso einheitlichen wie vereinheitlichenden Rechtssystem einer absoluten, souveränen Macht zu den gleichzeitig individualisierenden und normalisierenden Trennungsmechanismen einer disziplinären Herrschaft - sich seit dem 18. Jahrhundert entwickelt, ausgedehnt, vollendet und schließlich auf einen neuen Übergang hin geöffnet hat, in dessen Verlauf die Disziplinarmechanismen schrittweise von Techniken der Kontrolle ersetzt werden, die nicht mehr auf den von Foucault analysierten - und zum Zeitpunkt dieser Analyse längst in eine Krise geratenen - Einschließungsmilieus aufbauen, sondern zur Organisation des Begehrens und zur Anordnung der Individuen im Raum auf neuartige, weitaus variablere Verfahren zurückgreifen. Dem Übergang von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft entspricht die Ablösung der sexualwissenschaftlich-psychologischen Wahrheitsproduktion durch die verallgemeinerten Prinzipien der Kommunikation, deren Macht über den menschlichen Körper nicht mehr auf der diskursiven Herstellung sexueller Subjekte beruht, sondern auf der technischen Verwandlung der Individuen und ihres Sexes in Information. So wie elektronische Halsbänder das Gefängnis überflüssig zu machen beginnen, verspricht das Modell eines frei manipulierbaren genetischen Codes eine Überwindung all jener sozialen und psychischen Probleme, die noch von Krafft-Ebing zum Phänomen der "Sexualität" zusammengefaßt worden sind. Was in den Zeiten der Souveränität als verbrecherische Libertinage und in der Ära der Disziplin als perverse Abweichung begriffen wurde, erweist sich im Zeitalter der Kontrolle als bloßer Defekt, an dessen technischer Behebbarkeit kein Zweifel mehr besteht.

Von heute aus betrachtet erscheinen die sexuellen Utopien des Sadismus und des Masochismus als wenngleich spektakuläre so doch auf fast rührende Weise anachronistische Überbleibsel einer sexuell zutiefst unaufgeklärten Vergangenheit; und auch das Programm des Kafkaismus sehen wir noch auf einer ganz frühen Vorstufe der heutigen politisch-sexuellen Ökonomie verbleiben.64 Wenn die literarischen Perversionen selbst in eine Krise geraten sind, dann vor allem deswegen, weil sie den medialen Apparaten, die heute die technische Reproduzierbarkeit des Sexuellen gewährleisten, noch keine adäquaten Schreibtechniken entgegenzusetzen haben, mit denen sich die untergehenden Formationen der Macht in eine andere Richtung überwinden ließen.65 Auf der Suche nach neuen Verbindungen des Körpers mit den Kräften unserer gegenwärtigen sexuellen Zukunft wird die Literatur wohl nicht mehr lange umhinkommen, sich derjenigen Maschinensprache zu bedienen, in welcher wir schon bald unsere genetische Wahrheit buchstabieren werden.


Anmerkungen

1 Antonin Artaud, Apropos Baudelaire, in: Van Gogh, der Selbstmörder durch die Gesellschaft, München [Matthes & Seitz] 1988, S.90f. Auf die Sexualität bezogen in: Jean Baudrillard, Oublier Foucault, München [Raben Verlag] 1978, S.28

2 C.-J. Herbert, Essai sur la police générale des grains, S.320f., zitiert nach Michel Foucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1, Frankfurt am Main [Suhrkamp] 1983, S.38

3 Richard von Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis, München [Matthes & Seitz] 1997, S.1

4 Krafft-Ebing, a.a.O., S.10

5 Krafft-Ebing, a.a.O., S.10

6 "Die Macht funktioniert als eine Sirene, die die Fremdheiten, über denen sie wacht, heranlockt und zum Appell ruft." Foucault, a.a.O., S.60

7 Krafft-Ebing, a.a.O., S.105

8 Krafft-Ebing, a.a.O., S.105f.

9 Unter dem Gesichtspunkt der Menschlichkeit erscheint natürlich auch Sade in einem neuen Licht: "Insgesamt eine großartig einseitige, darüber hinaus aber obszöne Darstellung der Tatsache, daß Orgasmus Schmerz ist und 'erlitten' wird... Im Schmerz liegt aber ein Anruf an Sozietät... Hier erst (und hier zu spät) wird der Mitmensch entdeckt, ertönt ein Ruf nach Hilfe, ein Appell an den anderen... [Sades] orgiastisches Erleben phantastischer sexueller Handlungen wirkt, insgesamt gesehen, wie ein entsetzlicher und dennoch großartiger Ruf nach jener Hilfe..." Hans Giese, Vorwort [zu den Hundertzwanzig Tagen von Sodom], in: D.A.F. Marquis de Sade, Ausgewählte Werke 1, Frankfurt am Main [Fischer] 1972, S.35f.

10 Gilles Deleuze, Sacher-Masoch und der Masochismus, in: Leopold von Sacher-Masoch, Venus im Pelz, Frankfurt am Main [Suhrkamp] 1997

11 vgl. Deleuze, a.a.O., S.190f.

12 Zugang zum Schloß: Der Weg verengt sich, wird "ohne Führer absolut ungangbar", von bewaffneten Banditen bewacht, durch eine Schranke versperrt, zu einem von tiefen Abgründen gesäumten Aufstieg, um schließlich an einer unüberwindbaren Spalte zu enden. Vgl. D.A.F. Marquis de Sade, Die Hundertzwanzig Tage von Sodom oder Die Schule der Ausschweifung, Köln [Könemann] 1995, S.55f.

13 Das gilt auch für diejenigen Romane Sades, in denen viel gereist wird. "Wenn nun auch die Sadesche Reise stets verschieden ist, so ist der Sadesche Ort einzigartig: so viele Reisen macht man nur, um sich abzukapseln." Roland Barthes, Sade Fourier Loyola, Frankfurt am Main [Suhrkamp] 1986, S.21

14 Sade, a.a.O., S.55

15 Gewiß trägt das Szenario einzelne Züge eines im klassischen Sinne paradiesischen Anderswo, doch deren Zusammensetzung ergibt bloß ein bescheidenes Paradies aus zweiter Hand, wo selbst in den Anzeichen des Göttlichen sich noch deren Import offenbart: "Das Haus, in dem ich wohne, steht in einer Art Park, oder Wald, oder Wildnis, wie man es nennen will, und ist sehr einsam... Im Garten, in der kleinen Wildnis, befindet sich eine graziöse kleine Wiese, auf der friedlich ein paar zahme Rehe weiden. Auf dieser Wiese steht ein Venusbild von Stein, das Original, glaube ich, ist in Florenz; diese Venus ist das schönste Weib, das ich in meinem Leben gesehen habe." Sacher-Masoch, a.a.O., S.18f

16 So wie die Garten-Natur stets als Mittel der Reflexion, wenn nicht gar als Medium einer Andacht dient, vermittelt auch die Gebirge-Natur zwischen einem sich in sie versetzenden Bewußtsein und dessen abwesend-unerreichbarem Objekt. Vgl. Sacher-Masoch, a.a.O., S.18-20 sowie S.51

17 Die Notwendigkeit des Dritten liegt bereits in der Struktur des Paares und ändert nicht etwa von außen etwas an dessen Konstellation (wie ja auch der - neben dem Schauplatz der Handlung und dem Anderswo, auf das dieser verweist - dritte Raum der Handlung, die Italienreise, die Geschlossenheit des Ortes nicht aufhebt: sie ist im romantisch-imaginären Szenario immer schon inbegriffen).

18 vgl. Sacher-Masoch, a.a.O., S.11

19 Gerade darin liegt der Tatbestand der Perversion. Eine Sexualität gilt als normal, solange in ihr das Begehren auf ein konkretes Individuum - im Sinne eines organischen Ganzen - bezogen bleibt, und erscheint in dem Moment pathologisch, wo das Begehren eins jener abstrakten Prinzipien besetzt, mittels derer der Mythos von der Ganzheit des Individuums organisiert wird. An genau dieser Grenze beginnt auch der Übergang der Literatur ins vermeintlich Obszöne: "Jede Schöpfung ist notwendigerweise eine Kombinatorik, die Gesellschaft jedoch, an dem alten romantischen Mythos von der 'Inspiration' festhaltend, erträgt nicht, daß man das offen zugibt." Barthes, a.a.O., S.43

20 vgl. Deleuze, a.a.O., S.228f.

21 vgl. insbesondere Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Juliette oder Aufklärung und Moral, in: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt am Main [Fischer] 1988

22 Barthes, a.a.O., S.143

23 vgl. Pierre Klossowski, Sade - mein Nächster, Wien [Passagen] 1996, S.143 sowie Deleuze, a.a.O., S.183

24 Deleuze, a.a.O., S.185

25 Ein ähnlich "masochistisches" Verfahren, die Herrschaft des Bestehenden zum Schweben zu bringen, einen Vertrag zugleich zu schließen und offenzuhalten, findet sich in einer der Brechtschen Geschichten vom Herrn Keuner. Vgl. Bertolt Brecht, Maßnahmen gegen die Gewalt, in: Geschichten vom Herrn Keuner, Frankfurt am Main [Suhrkamp] 1971, S.9f.

26 Nicht von ungefähr wird die Geschichte der Venus präsentiert als Traum eines Erzählers, der über Hegel eingeschlafen ist. Vgl. Sacher-Masoch, a.a.O., S.13

27 The Velvet Underground & Nico, I'll Be Your Mirror, auf: The Velvet Underground & Nico, USA [MGM] 1967. So sehr es vielleicht naheliegt, daß ein anderes Stück auf derselben Platte ausgerechnet den Titel "Venus In Furs" trägt, ist es doch erstaunlich, wie Nico - ohnehin wohl die einzige Figur in der populären Ikonographie des 20. Jahrhunderts, in der tatsächlich fast sämtliche der von Deleuze herausgearbeiteten Eigenschaften des Masochismus repräsentiert sind - der zitierten Ausgangssituation später noch zwei weitere Stufen hinzufügt: Von "I'll be your mirror / reflect what you are / in case you don't know" (der dialektischen Grundkonstellation des Masochismus) über "The morning has me looking in your eyes / seeing mine / warning me" (eine umgekehrte Dialektik, in der die Angeschaute selbst zum Subjekt des Blicks wird) bis zu "Come on / give it to me / I'll keep it with mine" (der Aufkündigung der Spiegelfunktion und Beendigung des masochistischen Szenarios). Vgl. Nico, Chelsea Girl, USA [Polygram] 1967

28 Vgl. Sacher-Masoch, a.a.O., S.9-11 sowie Deleuze, a.a.O., S.206f.

29 Deleuze, a.a.O., S.185

30 Nicht zuletzt dem Problem der Familie gilt bereits die letzte Anstrengung Sades: "Kinder ohne legitime Väter sind doch in einer Republik nicht nachteilig, in der alle Menschen eine gemeinschaftliche Mutter und einen gemeinschaftlichen Vater haben, nämlich ihr Vaterland. O, um wieviel mehr werden die, welche niemanden anders kennen als das Vaterland, es lieben, da sie von Geburt an wissen, daß sie nur von ihm alles zu erwarten haben! Glaubt nicht, daß ihr gute Republikaner heranbilden könnt, solange ihr die Kinder, die doch nur der Republik gehören sollen, in ihren Familien isoliert!" D.A.F. Marquis de Sade, Franzosen! noch eine Anstrengung, wenn ihr Republikaner sein wollt!, in: Die Philosophie im Boudoir, Köln [Könemann] 1995, S.305

31 vgl. Deleuze, a.a.O., S.211f. Im Falle des Masochismus widerspricht Deleuze damit der geläufigen psychoanalytischen Deutung, die masochistische Herrscherin verkörpere den strafenden Vater, und vertritt stattdessen die Ansicht, das Opfer stelle den gestraften Vater dar.

32 Deleuze, a.a.O., S.217

33 vgl. Nick Mansfield, Masochism. The Art of Power, London [Praeger] 1997, S.95

34 vgl. Mansfield, a.a.O., S.72f. sowie Kaja Silverman, Masochism and Male Subjectivity, in: Male Subjectivity at the Margins, London und New York [Routledge] 1992, S.211-213

35 Gustav Janouch, Gespräche mit Kafka, Frankfurt am Main [Fischer] 1951, S.71

36 vgl. Franz Kafka, Eine kaiserliche Botschaft, in: Sämtliche Erzählungen, Frankfurt am Main [Fischer] 1970, S.139

37 vgl. Franz Kafka, Das nächste Dorf, a.a.O., S.138

38 vgl. Franz Kafka, Das Urteil, a.a.O., S.30f.

39 vgl. Franz Kafka, Ein altes Blatt, a.a.O. S.130f. sowie Beim Bau der Chinesischen Mauer, a.a.O., S.293f.

40 Gilles Deleuze, Félix Guattari, Kafka. Für eine kleine Literatur, Frankfurt am Main [Suhrkamp] 1976, S.43

41 Mögliche Anzeichen einer kafkaesken Grunddisposition finden sich beispielsweise im Falle der Beobachtung 32: "Klagen über zeitweise melancholische Verstimmung, selbstquälerische Gedanken und perverse Antriebe, zu denen er selbst kein Motiv finden könne, z. B. zum Lachen bei ernsten Veranlassungen, sein Geld ins Wasser zu werfen, im strömenden Regen umherzulaufen... Einer rechten Einsicht in seine Lage wird er sich nicht bewusst. Er betrachtet sich als eine Art Märtyrer, der einer bösen Macht zum Opfer gefallen ist. Annahme von Aufhebung der freien Willensbestimmung." Krafft-Ebing, a.a.O., S.91f. Ebenso wäre es denkbar, daß dem Verhalten der Beobachtung 246 der kafkaeske Wunsch, Indianer zu werden, zugrundeliegt: "Von Kindheit auf grosse Freude an Tieren, besonders Hunden und Pferden... Eines Tages, beim erstmaligen Besteigen eines Pferdes, Wollustempfindungen. Nach 14 Tagen bei neuerlichem Anlass dasselbe, zugleich mit Erektion. Kurz darauf erster Ritt. Diesmal Ejakulation... Nunmehr fast tägliche Pollutionen. Der Anblick von Reitern und von Hunden macht ihm Erektionen. Fast allnächtlich Pollution mit der Traumvorstellung, er sitze zu Pferde oder dressiere Hunde." Krafft-Ebing, a.a.O. S.425. Vgl. Franz Kafka, Wunsch, Indianer zu werden, a.a.O., S.18f. sowie Zum Nachdenken für Herrenreiter, a.a.O., S.17f.

42 Deleuze, Guattari, a.a.O., S.13

43 "La complémentarité contrat-suspens infini joue chez Masoch un rôle analogue à celui du tribunal et de l'atermoiement illimité chez Kafka: un juridisme, un extrême juridisme, une Justice qui ne se confond nullement avec la loi." Gilles Deleuze, Re-présentation de Masoch, in: Critique et clinique, Paris [Les Éditions de Minuit] 1993, S.72

44 Franz Kafka, In der Strafkolonie, a.a.O., S.107

45 Detlef Kremer, Kafka. Die Erotik des Schreibens, Bodenheim bei Mainz [Philo] 1998, S.103

46 Deleuze, Guattari, a.a.O., S.48

47 "Das Gesetz steht in einem Pornoheft. Hier geht es nicht mehr um Hinweise auf die mögliche Falschheit der Justiz, sondern auf ihren Charakter als libidinöses Verlangen... Durch den ganzen Prozeß zieht sich eine Ungerichtetheit, eine Polyvozität des Verlangens, die dem Roman seine erotische Kraft verleiht. Die Repression gehört nicht zur Justiz, ohne selber Verlangen zu sein, Wunsch des Unterdrückers ebenso wie des Unterdrückten." Deleuze, Guattari, a.a.O., S.68f.

48 Kremer, a.a.O., S.105f.

49 vgl. Krafft-Ebing, a.a.O., S.423f.

50 vgl. Krafft-Ebing, a.a.O., S.397

51 Krafft-Ebing, a.a.O., S.8

52 Sacher-Masoch, a.a.O., S.22f.

53 Sacher-Masoch, a.a.O., S.138

54 Sacher-Masoch, a.a.O., S.120

55 Sacher-Masoch, a.a.O., S.80

56 Die Hauptfigur der Verwandlung trägt den Vornamen, den Severin in der Venus im Pelz annimmt, ihr Nachname läßt sich wahlweise als partielles Anagramm von Sacher-Masoch (vgl. Gilles Deleuze, Re-présentation de Masoch, in: Critique et clinique, Paris [Les Éditions de Minuit] 1993, S.73) oder als Verkürzung jenes Simson lesen, in dessen Bild sich Severin in der Venus gespiegelt sieht (vgl. Kremer, a.a.O., S.100), und die Dame im Pelz ist in Form eines Bildes an der Zimmerwand präsent. Doch der einzige Annäherungsversuch schlägt fehl: Gregor ist schon zu sehr Tier, die Frau im Pelz noch zu sehr Ideal, für einen Moment die wohltuende Wärme des Glases auf dem Bauch des Tieres, dann folgt die biblische Strafe (vgl. Franz Kafka, Die Verwandlung, in: Sämtliche Erzählungen, a.a.O., S.81f.). Die eigentliche Annäherung des Käfers gilt der Schwester, doch deren mögliches Tier-Werden beginnt erst nach dessen Tod: erst dann zeigt ihr Körper Züge des Panthers, wie er andernorts, nach dem Tod des Hungerkünstlers, erscheint (vgl. Kafka, Die Verwandlung, a.a.O., S.99, sowie Ein Hungerkünstler, a.a.O., S.171).

57 Deleuze hat wiederholt die Familiarisierung und Vermenschlichung des Tieres zum Haustier beschrieben: "L'important, c'est d'avoir un rapport animal avec l'animal... Ça ne consiste pas à lui parler. En tout cas, ce que je ne supporte pas, c'est le rapport humain avec l'animal. Je sais ce que je dis, parce que j'habite une rue là qui est un peu déserte, et où les gens promènent leurs chiens. Ce que j'entends de ma fenêtre est proprement effarent. Effarent, la manière que les gens parlent à leurs bêtes. Alors, même la psychanalyse, la psychanalyse est tellement fixée aux animaux familiers ou familiaux, aux animaux de la famille, que tout aime animal. Par exemple, dans les rêves, il est interprété par la psychanalyse comme un image de père ou de mère ou d'enfant, c'est à dire l'animal comme membre de la famille. Ça, je ne supporte pas... Les gens qui aiment les animaux n'ont pas un rapport humain avec l'animal, ils ont un rapport animal avec l'animal. Même les chasseurs, pourtant que je n'aime pas les chasseurs, mais enfin, même les chasseurs ont un rapport étonnant avec l'animal." Gilles Deleuze, Claire Parnet, L'abécédaire de Gilles Deleuze, Paris [Vidéo Éditions Montparnasse] 1997. Vgl. hierzu auch: Gilles Deleuze, Félix Guattari, Intensiv-Werden, Tier-Werden, Unwahrnehmbar-Werden..., in: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II, Berlin [Merve] 1992

58 vgl. Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels, Berlin [Edition Tiamat] 1997, S.13-18

59 Valerie Steele, Fetisch. Mode, Sex und Macht, Berlin [Berlin Verlag] 1996, S.15

60 Georg Seeßlen, Mediopoly: die Sex-Variante, in: konkret, Heft 2 Februar 1998, S.54

61 Giese, a.a.O., S.33

62 André Béjin, Die Macht der Sexologen und die sexuelle Demokratie, in: Philippe Ariès, André Béjin, Michel Foucault u.a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit. Zur Geschichte der Sexualität im Abendland, Frankfurt am Main [Fischer] 1986, S.263

63 Béjin, a.a.O., S.265

64 "In den Disziplinargesellschaften hörte man nie auf anzufangen (von der Schule in die Kaserne, von der Kaserne in die Fabrik), während man in den Kontrollgesellschaften nie mit irgendetwas fertig wird: Unternehmen, Weiterbildung, Dienstleistung sind metastabile und koexistierende Zustände ein und derselben Modulation, die einem universellen Verzerrer gleicht. Kafka, der schon an der Nahtstelle der beiden Gesellschaftstypen stand, hat im Prozeß die fürchterlichsten juristischen Formen beschrieben: Der scheinbare Freispruch der Disziplinargesellschaften (zwischen zwei Einsperrungen) und der unbegrenzte Aufschub der Kontrollgesellschaften (in kontinuierlicher Variation) sind zwei sehr unterschiedliche juristische Lebensformen. Und wenn unser Recht schwankend ist und sich in der Krise befindet, so liegt das daran, daß wir die eine verlassen haben und in die andere eintreten." Gilles Deleuze, Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, in: Unterhandlungen 1972-1990, Frankfurt am Main [Suhrkamp] 1993, S.257

65 Vielleicht lassen sich bestimmte Handlungsweisen und Beschreibungsverfahren in Bret Easton Ellis' Roman American Psycho (die Steigerung der Erzählgeschwindigkeit, das Verschwinden des Erzählersubjekts in der Leere der Kommunikation, dessen in jeder Hinsicht und für alle Beteiligten fatales Begehren) als mögliches Beispiel für einen Versuch sehen, auf perverse Weise mit der sich verändernden Wirklichkeit zumindest Schritt zu halten. Vgl. Bret Easton Ellis, American Psycho, Köln [Kiepenheuer & Witsch] 1996


Literatur

Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Juliette oder Aufklärung und Moral, in: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt am Main [Fischer] 1988

Philippe Ariès, André Béjin, Michel Foucault u.a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit. Zur Geschichte der Sexualität im Abendland, Frankfurt am Main [Fischer] 1986

Antonin Artaud, Van Gogh, der Selbstmörder durch die Gesellschaft, München [Matthes & Seitz] 1988

Roland Barthes, Sade Fourier Loyola, Frankfurt am Main [Suhrkamp] 1986

Georges Bataille, Kafka, in: Die Literatur und das Böse, München [Matthes & Seitz] 1987

Jean Baudrillard, Der symbolische Tausch und der Tod, München [Matthes & Seitz] 1991

Jean Baudrillard, Die fatalen Strategien, München [Matthes & Seitz] 1991

Jean Baudrillard, Oublier Foucault, München [Raben Verlag] 1978

Bertolt Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner, Frankfurt am Main [Suhrkamp] 1971

Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels, Berlin [Edition Tiamat] 1997

Gilles Deleuze, Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, in: Unterhandlungen 1972-1990, Frankfurt am Main [Suhrkamp] 1993

Gilles Deleuze, Re-présentation de Masoch, in: Critique et clinique, Paris [Les Éditions de Minuit] 1993

Gilles Deleuze, Sacher-Masoch und der Masochismus, in: Leopold von Sacher-Masoch, Venus im Pelz, Frankfurt am Main [Insel] 1997

Gilles Deleuze, Félix Guattari, Kafka. Für eine kleine Literatur, Frankfurt am Main [Suhrkamp] 1976

Gilles Deleuze, Félix Guattari, Intensiv-Werden, Tier-Werden, Unwahrnehmbar-Werden..., in: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II, Berlin [Merve] 1992

Gilles Deleuze, Claire Parnet, L'abécédaire de Gilles Deleuze, Paris [Vidéo Éditions Montparnasse] 1997

Bret Easton Ellis, American Psycho, Köln [Kiepenheuer & Witsch] 1996

Michel Foucault, Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Berlin [Merve] 1978

Michel Foucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1, Frankfurt am Main [Suhrkamp] 1983

Elke Heitmüller, Zur Genese sexueller Lust. Von Sade zu SM, Tübingen [konkursbuch] 1994

Franz Kafka, Der Prozeß, Frankfurt am Main [Fischer] 1994

Franz Kafka, Sämtliche Erzählungen, Frankfurt am Main [Fischer] 1970

Pierre Klossowski, Sade - mein Nächster, Wien [Passagen] 1996

Richard von Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis, München [Matthes & Seitz] 1997

Detlef Kremer, Kafka. Die Erotik des Schreibens, Bodenheim bei Mainz [Philo] 1998

Nick Mansfield, Masochism. The Art of Power, London [Praeger] 1997

Medienpolitische Ambulanzen, Feminists Like Us, in: Auseinander, Nummer 2 Juni 1995, S.12-17

Leopold von Sacher-Masoch, Venus im Pelz, Frankfurt am Main [Insel] 1997

D.A.F. Marquis de Sade, Ausgewählte Werke 1, Frankfurt am Main [Fischer] 1972

D.A.F. Marquis de Sade, Die Hundertzwanzig Tage von Sodom oder Die Schule der Ausschweifung, Köln [Könemann] 1995

D.A.F. Marquis de Sade, Die Philosophie im Boudoir oder Die lasterhaften Lehrmeister, Köln [Könemann] 1995

Georg Seeßlen, Mediopoly: die Sex-Variante, in: konkret, Heft 2 Februar 1998, S.52-55

Georg Seeßlen, Mediopoly Sex: Die nächste Runde, in: konkret, Heft 3 März 1998, S.54-58

Kaja Silverman, Masochism and Male Subjectivity, in: Male Subjectivity at the Margins, London und New York [Routledge] 1992

Valerie Steele: Fetisch. Mode, Sex und Macht, Berlin [Berlin Verlag] 1996